Cross Over zum VDST-Tauchlehrer: Die Gretchenfrage

Keine Lehre ohne Gretchenfrage und beim Tauchen heißt sie: PADI (Professional Association of Diving Instructors) oder CMAS (Confédération Mondiale des Activités Subaquatiques)? Etwa 75 Prozent aller Taucher weltweit sind nach dem PADI-System ausgebildet. Aber nicht besonders gut, sagen die CMAS-Leute. Schuld daran bin auch ich, seit 2004 PADI-Tauchlehrer und demnach Produzent von haufenweise Tauchtrotteln. Das nagt natürlich furchtbar an mir und deswegen habe ich beschlossen, von der dunklen Seite der Macht zur reinen Lehre überzutreten: ich mache ein Cross Over zum VDST-Tauchlehrer, des Verbandes Deutscher Sporttaucher!

Tja, was ist der Unterschied zwischen den Systemen? Die einen sagen so, die anderen sagen so. PADI behauptet, dass Tauchen Spaß macht und dass jeder Tauchen lernen kann, ja sogar Frauen und Kinder (ab 8 Jahren). PADI will eine globale Gemeinschaft von kompetenten, verantwortungsvollen und aktiven Tauchern schaffen, die als Helden unseres blauen Planeten agieren. PADI-Leute denken über CMAS-Taucher, dass denen Tauchen absolut keinen Spaß bereitet, sondern diese sich in Wirklichkeit permanent auf die Aufnahmeprüfung zum Kampfschwimmer der Marine vorbereiten. CMAS-Leute denken über PADI-Taucher, dass diese alle zur Erlangung ihres Tauchscheins einen viertägigen Crash-Tauchkurs in Ägypten oder wahlweise Timbuktu absolviert haben und so logischerweise permanent gegen das Ertrinken ankämpfen.

Und wo liegt die Wahrheit?

Und wo liegt die Wahrheit? Wahrscheinlich wie immer dazwischen. Ich habe schon Taucher erlebt, die kamen nach viertägiger Ausbildung in Ägypten mit einem frischem PADI-Brevet zu mir und ich habe mich beim Einschätzen ihrer Fähigkeiten im Hallenbad gefragt, warum sie im Roten Meer eigentlich nicht ertrunken sind.

Ich habe aber auch schon einen hochdekorierten CMAS-Taucher erlebt, dem bei vier Grad Wassertemperatur in einem deutschen See auf 40 Metern Tiefe ein Arm eingefroren war, weil sein selbst reparierter Trockentauchanzug genau an diesem Körperteil leck war. Unglückseligerweise brauchte er aber genau diesen Arm, um einen filigranen Karabinerhaken zu bedienen, um sein Finimeter abzukoppeln, um zu wissen wie viel Luft er gefälligst noch hat. Da das bekanntlich mit eingefrorenen Armen eher schlecht geht, hatte er es vorsichtshalber lieber gleich ganz sein gelassen. Ergebnis war, dass ich mal nachgeschaut habe, wie viel denn der Herr noch so auf dem Tacho hat. Nun, er hatte noch genau 50 von 200 Bar in der Flasche und das reichte bei den inzwischen angesammelten 10 Minuten Dekozeit auf gar keinen Fall, um gesund wieder an die Oberfläche zu gelangen. Also bekam er den Schnulli. Das heißt, dass ich dem hochdekorierten CMAS-Taucher meinen Oktopus (für Nicht-Taucher: mein Ersatz-Atemgerät) ins Leckermäulchen stopfte und ihn an der langen Leine gemeinsam aus meiner Flasche nuckelnd wieder nach Hause führte – in Taucherkreisen ist das übrigens so etwas wie die Höchststrafe. Da ich weiß, dass dieser hochdekorierte CMAS-Taucher dies hier irgendwann einmal lesen wird, schwöre ich hiermit bei allem was mir heilig ist, dass ich deinen Namen niemals verrate – es sei denn…

Cross Over zum VDST-Tauchlehrer: Lassen wir Fakten sprechen

Aber genug der Heldentaten, lassen wir Fakten sprechen und bemühen bei der Recherche wie so oft erstmal kurz Wikipedia: PADI ist ein amerikanisches Unternehmen, das weltweit standardisierte Tauchausbildungen anbietet. Mit rund 6.600 Tauchbasen, 137.000 Mitgliedern und inzwischen 27 Millionen zertifizierten Tauchern in 186 Ländern ist es die weltweit größte kommerzielle Tauchausbildungsorganisation. Kommerziell ist das Stichwort: bei PADI gibt es nichts ohne ein geringes Entgeld, wie mein Tauchlehrer-Ausbilder Thomas Baum immer so schön sagte. P(ut) A(nother) D(ollar) I(n) spötteln andere.

Für die Dollars gibt es aber auch Leistung: ein Ausbildungssystem, das aus standardisierten Modulen, die in Theorie und Praxis aufgeteilt sind, besteht. Die Theorie wird hauptsächlich im Selbststudium sowie durch Tauchlehrer vermittelt, während die Praxis ausschließlich durch Tauchlehrer im Schwimmbad oder im begrenzten Freiwasser sowie im offenen Freiwasser unterrichtet wird. Am Ende jeden Kurses wird ein Tauchschein (Brevet) ausgestellt, der weltweit anerkannt wird. Wegen der großen internationalen Verbreitung findet man fast überall auf der Welt PADI-Tauchschulen. Durch die Standardisierung der Tauchkurse kann man daher einen begonnenen Kurs an einer beliebigen anderen PADI-Tauchschule weltweit weiterführen.

Cross Over zum VDST-Tauchlehrer: Was ist CMAS?

Und was ist CMAS? Nun zumindest bei der Gründung waren sie die Ersten, nämlich 1959 in Monaco (deswegen der französische Name Confédération Mondiale des Activités Subaquatiques), PADI erst 1966 und das auch noch in den USA (deswegen der englische Name Professional Association of Diving Instructors). CMAS ist eine internationale, aber vorwiegend in Europa auftretende Dachorganisation des Gerätetauchens sowie für Sportarten, die vom Tauchen abgeleitet sind, wie Flossenschwimmen, Unterwasser-Rugby, Unterwasserhockey, Orientierungstauchen oder jüngst auch Apnoetauchen. CMAS International wird weltweit durch diverse Tauchorganisationen vertreten, in Deutschland ist es der Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) mit über 72.000 Vereinsmitgliedern in fast 900 Vereinen. Und der VDST ist gemeinnützig.

Wer aber nun glaubt, dass hier an 900 Stellen Tauchscheine zu verschenken sind, damit man unter anderem deren Vereinsmeierei erträgt, der irrt: Die Seeteufel Urfeld e.V. oder Die Seekühe Stenkelfeld e.V. lassen sich die Ausbildung auch schon mal mit harter Währung bezahlen. Eine Ausbildung zum VDST-CMAS-Taucher * schlägt da schnell mit knapp 400 Talern zu Buche. Zum Vergleich: eine seriöse PADI-Tauchschule bietet das Äquivalent, den Open Water Diver, derzeit für rund 430 Euro an. Der Unterschied ist, dass der Tauchverein seinem ehrenamtlichen Tauchlehrer 13,50 Euro Aufwandsentschädigung pro Tauchgang zahlt und den Rest für tolle Sachen in seinem Verein investiert. Die PADI-Tauchbude zahlt seinem Tauchlehrer ebenfalls in den seltensten Fällen das, was man zum Überleben eigentlich zahlen müsste. Überleben muss von dem Geld nämlich der Tauchbudenbesitzer, der nach Steuern gierende Staat und natürlich PADI, das sich von Lehrmaterial und Brevetierung nur gegen ein geringes Entgeld pro Schüler trennt.

Da die Unterschiede für Tauchlehrer beider Verbände pekuniär letztlich ungefähr gleichzusetzen sind, stellt sich die Frage, warum tut man sich das an? Nun, für die PADI-Seite kann ich schon antworten: es ergab sich so. Natürlich durch eine Frau bin ich leichtsinnigerweise in die Fänge von Franky Freese und seiner Tauchbude namens Divebox in Bielefeld geraten. Spätestens durch den Namen des angeschlossenen Tauchvereins, Tafelrunde der Gummiritter e.V., hätte ich stutzig werden müssen. Denn so etwas kann man sich nur nach Genuss von reichlich Speise begleitenden Getränken ausdenken und um es vorweg zu nehmen, es war auch so.

Rescue Diver: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

Zu der Zeit war ich lupenreiner Urlaubstaucher mit etwa 150 absolvierten Tauchgängen in rein südlicheren Gefilden wie Curacao, Bali oder Rotes Meer. Auf der PADI-Karriereleiter hatte ich immerhin schon die zweite Stufe erklommen, durfte mich Advanced Open Water Diver (AOWD) nennen, war also wie die Übersetzung schon verrät ein bisschen fortgeschritten. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Neptun mir noch mehr geben könne. Also fragte ich Franky, wann denn der nächste Kurs zum Rescue Diver (Rettungstaucher) bei ihm beginnen würde und natürlich begann der schon in der nächsten Woche. Im berüchtigten Alberssee bei Lippstadt erlitt ich dann zunächst einen Kälte- und dann einen Klaustrophobie-Schock in einem Gewässer, was nicht wie gewohnt mindestens 29 Grad warm war und in dem man Unterwasser 30 bis 40 Meter weit sehen kann – jetzt konnte ich nicht mal meinen Tauchpartner richtig erkennen, geschweige denn den dahinter.

Aber es war gut. Im Nachhinein war es der Tauchkurs, der mir von allen am meisten Spaß gemacht hat. In meinem Kurs zum Open Water Diver hatte ich das Wunder des Tauchens erlernt, nicht gleich zu ertrinken; im Kurs zum Advanced Open Water Diver wie ich das Tauchboot wiederfinde, von dem ich gestartet war. Jetzt saß ich mit erfahrenen Tauchern zusammen und wir tauschten im Gespräch Situationen aus, wo wir schon mal Probleme beim Tauchen erlebt und wie wir sie gelöst hatten. Franky moderierte und leitete geschickt dazu über, wie man solche Probleme wirklich meistert. Fortan durfte ich behaupten: Ich bin Rettungstaucher, ich kann ihnen helfen.

Nach der abschließenden Rettungsübung saßen wir bei Bratwurst, Bier und Kippe zusammen. Natürlich war ich glücklich, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Neptun mir noch mehr geben könne. Rein zufällig hatte Franky wieder eine Lösung parat: du wirst Divemaster, der Kurs beginnt schon in der nächsten Woche.

Divemaster: die erste Stufe zum Profi

Nach dem Rescue Diver trennt sich bei PADI die Spreu vom Weizen. Entweder zweigt die sporttaucherische Karriereleiter nach rechts ab und endet dort in der akribischen Fortbildung zum Master Scuba Diver mit Spezialkursen wie Tief-, Wrack- oder Nachttauchen. Ein ehrenwerter Titel, für durchweg respektierte Taucher. Oder man erklimmt die nächste Karrierestufe und macht den Meisterkurs, die Ausbildung zum Divemaster – und der ist ja bekanntlich noch nie vom Himmel sondern eher ins Wasser gefallen.

Der Divemaster ist die erste Profistufe bei PADI. Man kann sie irgendwo auf der Welt im Urlaub auf einer PADI-Basis in etwa zwei Wochen erklimmen und muss dafür ein nicht geringes Entgeld zahlen. Oder man arbeitet sich in irgendeiner gottverlassenen Tauchbude am Ende der Welt vom Kompressorboy zum Tauchguide hoch und wird irgendwann neben Kost und Logie mit dem Brevet zum Divemaster bezahlt.

Ich habe die unbequemste Variante gewählt: Franky. Er hat den Urlaubstaucher in mir gebrochen und in einem Jahr nach und nach einen neuen Taucher aufgebaut. Zwischendurch wollte ich ungezählte Male aufgeben, denn Franky verlangte immer, dass seine Divemaster doppelt so gut sind, wie es PADI eigentlich verlangt. Wenn PADI vorschrieb, dass ich bei soundsoviel Kursen im Hallenbad assistieren muss, musste ich bei doppelt so vielen Kursen assistieren. Wenn PADI vorschrieb, dass ich soundsoviel Schüler bei Tauchgängen im Freiwasser begleiten muss, musste ich doppelt so viele Schüler begleiten. Zudem war ich so oft im Wasser, dass ich an die Grenzen meiner Urlaubs-Tauchausrüstung gelangte, habe sie verkauft und – natürlich bei Franky – eine neue gekauft.

Am Ende dieser Tortur stand ich nun in dieser Kneipe, die Tafelrunde der Gummiritter erhob sich, Sir Freese übergab mir feierlich meine erste Profi-Tauchkarte und das Volk brach lachend zusammen. Denn ich starrte wie vom Donner gerührt auf das hoch offizielle Passbild dieses quasi amtlichen Dokumentes und erkannte meine schelmenhafte Grimasse von der letzten Staffparty morgens um 4 Uhr. Diese Schweine! Sollte ich fortan auf den Tauchbasen dieser Welt beim Einchecken dieses Bild vorzeigen müssen und ein jeder Tauchbudenbesitzer beim Anblick des Konterfeis eines ausgemachten Trunkenboldes lachend zusammenbrechen? Nein, denn in meiner Eitelkeit hatte ich nicht bemerkt, dass diese Sackgesichter das Partyfoto ganz dünn über mein eigentliches Passbild geklebt hatten. Ich habe es übrigens nie abgelöst und blickte fortan in manch grinsendes Gesicht eines Tauchbudenbesitzers – meist ging die erste Runde auf ihn.

Die Divemaster-Karte mit der Grimasse von der letzten Staffparty morgens um 4 Uhr.

Wie ich dann PADI-Tauchlehrer wurde

Aber wie das so ist im Leben, alles hat seine Zeit. Ich habe dir viel zu verdanken, Franky Freese. Warum trinken wir eigentlich nicht mal wieder ein Bier zusammen?

Nun aber doch wieder zurück zu der Annahme, dass wenn die Unterschiede für die Tauchlehrer beider Verbände pekuniär letztlich ungefähr gleichzusetzen sind, warum sich ein CMAS-Taucher das dann antut? Diese Frage will ich mir mit einem Cross Over zum VDST-Tauchlehrer beantworten und darüber hier bloggen.

Bisher sind in meiner Reihe Cross Over zum VDST-Tauchlehrer folgende Artikel erschienen: