Kurt Amsler: “The first Breath” – Geburt eines Pottwales

Facebook-Video, Fotostrecke und Interview mit dem Unterwasserfotografen

pottwalbaby
Seit einiger Zeit bin ich mit dem vielfach international ausgezeichneten Unterwasserfotografen Kurt Amsler auf Facebook befreundet. Ich kannte ihn bis dahin nur aus verschiedenen Tauch-Magazinen und -Büchern durch seine exzellenten Unterwasser-Aufnahmen. Bei seinen Facebook-Posts entpuppte sich der Schweizer dann zunächst als äußerst engagierter Tierschützer. Da ich mich eigentlich am Dogma der Objektivität nach Hajo Friedrichs orientiere – nicht ­gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten – hatte ich schon überlegt, ob ich die virtuelle Freundschaft aufrechterhalte. Doch dann veröffentlichte er dieses Video. Und ich habe verstanden.

 

Vor dem Schnorcheln mit Walen sind Geduld und Leidensfähigkeit angesagt. An diesem Tag verbringt Amsler 9 Stunden auf einem kleinen Speedboot mitten auf dem Atlantik vor den portugiesischen Azoren-Inseln – etwa 1.300 Kilometer westlich vom europäischen Festland und 4.300 Kilometer ostwärts von Nordamerika entfernt.

Noch bis 1987 wurden die Tiere auf den Azoren professionell gejagt und zu Lebertran und Lampenöl verarbeitet. Heute ist man sich dort augenscheinlich des Geschenks der Natur bewusst. Zudem ist der Wandel vom Saulus zum Paulus lukrativ. Whalewatching, das Beobachten der Wale, ist ein wichtiger Zweig der Tourismusindustrie geworden – für drei Stunden Walgucken gehen pro Person bis zu 100 Euro über den Ladentisch. Hochsaison ist von Ende Juli bis Ende September, wenn der Atlantik sich von seiner sanfteren Seite zeigt und die Riesen des Ozeans ihre Jungen spazieren führen.

Sogenannte Spotter, einheimisch Vigiere, beobachten auf Türmen entlang der Küste das Wasser. Früher haben sie die Ruderboote der Walfänger zu ihrer Beute geleitet. Heute geben sie den Whalewatchern oder wie hier professionellen Fotografen per Funk durch, wo die Tiere als Nächstes auftauchen könnten.

Sind die Wale gemeldet, muss alles sehr schnell gehen. Das Speedboot rast über die Wellen. Mit Adleraugen achtet der Skipper auf das Blas der Tiere und versucht deren Stoßrichtung zu erkennen, um die Fotografen in gebührendem, aber überwindbarem Abstand ins Wasser zu bringen.

Die ersten 60 Meter schwimmt Amsler so schnell wie mit Kameragehäuse und vorgesetztem ­Weitwinkel-Domeport möglich. Immer auf der Suche nach den Walen. Zu sehen ist aber nur eine große trübe Wolke. Schnell stellt er fest, dass es Blut ist.

Schließlich wird die Kommunikation der Giganten immer intensiver und er erblickt etwa 18 Meter vor ihm eine Gruppe von Walen, die sich knapp unter der Wasseroberfläche zusammendrängt. Da den Schwimmer die Sonne blendet, kann er nicht genau erkennen, was vor sich geht.

Amsler atmet tief ein und taucht nun etwa 15 Meter vorsichtig zwischen den Walen ab, die sich nun klar im tiefen Blau abzeichnen. Nun begreift er das Unglaubliche, das sich direkt vor seinen Augen abspielt: Dies ist nicht ein verwundetes Tier, dass von seinen Artgenossen geschützt wird. Nein, hier gebärt eine Walmutter ihr Baby.

 

 Schaut selbst: Hier habe ich Kurts Video von Facebook eingebettet. Nach Klick auf den Abspielknopf könnt ihr es hier auf meiner Homepage bei entsprechender Internetverbindung in HD-Qualität sehen. Es lässt sich nach Start unten rechts sogar auf Vollbildmodus vergrößern.

 

 

 

 Na, wie hat es euch gefallen? Ich jedenfalls habe selten solch inspirierende und bewegende Aufnahmen gesehen. Immer und immer wieder habe ich mir das Video angeschaut und mit Freunden darüber gesprochen. Wir haben viele Fragen zu dem Film gehabt, die wir uns teilweise durch mehrmaliges Schauen selbst beantworten konnten, aber einiges ist doch offengeblieben. Kurzerhand habe ich Kurt angeschrieben, ob er mir ein Interview für meinen Blog geben könnte. “Bin soeben von Palau West Pazifik zurück. Kein Problem, hier die Antworten”, mailte er nicht mal 24 Stunden später zurück. Ich war beeindruckt!

 

Interview mit Kurt Amsler

“Das Eindrücklichste, was ich in 45 Jahren Unterwasser-Fotografie erlebt habe.”

Wann, mit wem und wo auf den Azoren ist das Video entstanden?
Kurt Amsler: In der ersten Woche im September 2014 mit Support von Norberto Diver vor der Stadt Horta am Südostufer der Insel Faial und mit spezieller Bewilligung der Regierung der Azoren.

Warum hast du dich den Walen schnorchelnd und nicht mit Flasche tauchend genähert?
Kurt Amsler: Zu viel Wasserwiderstand, da sehr schnell geschwommen werden muss. Auch würden die Blasen die Tiere vertreiben.

Du bist mit Apnoe-Flossen ins Wasser gegangen. Nutzt du diese langen Flossen nur zum Schnorcheln oder auch zum Tauchen? Was sind die Vorteile?
Kurt Amsler: Diese speziellen Carbonflossen ermöglichen schnelles Schwimmen. Für Gerätetauchen sind sie aber nicht geeignet.

Zu Anfang des Videos sind Aufnahmen von dir zu sehen, wie du mit deiner Ausrüstung losschnorchelst. Hast du diese und die folgenden Aufnahmen mit einer GoPro gemacht?
Kurt Amsler: Die eigentliche Produktion waren Fotos. Die GoPro war auf dem Kameragehäuse montiert, beim Wegschwimmen habe ich sie einfach gegen mich gerichtet.

Welche Fotoausrüstung (Kamera, Objektiv und Gehäuse) hast du bei diesem Ereignis verwendet?
Kurt Amsler: Nikon D800, 18mm Brennweite, Seacam Gehäuse und eine GoPro Hero3.

Was war das für ein Gefühl, als diese geschätzt 12 Meter messende Walmutter dich gecheckt hat, ob du eine Gefahr für ihr Baby bist?
Kurt Amsler: Sie maß etwa 9 Meter, aber unter Wasser wirkt das Tier noch riesiger. Es ging alles sehr schnell. Ich war voll auf die Bilder konzentriert, von Angst keine Spur. Erst als alles vorbei war, wurde mir dieses unglaubliche Erlebnis bewusst.

Zwischendurch sind immer mal wieder Laute des Entzückens von dir zu hören. Was bedeutet dieses Erlebnis für dich?
Kurt Amsler: Das Eindrücklichste, was ich in 45 Jahren Unterwasser-Fotografie erlebt habe.

Wenn ich richtig gezählt habe, warst du mit 6 ausgewachsenen Walen und einem auch schon über 3 Meter großem Walbaby im Wasser. Hast du nicht Angst gehabt, dass die Tiere dich in ihrem Gefühlsrausch übersehen und einfach über den Haufen schwimmen könnten?
Kurt Amsler: Überhaupt nicht!

Warum sind so viele Wale gekommen, um die Mutter zu unterstützen? Vielleicht um Haie, die durch bei der Geburt ausgetretenes Blut angelockt werden, zu vertreiben?
Kurt Amsler: Geburtshilfe ist bei allen Meeressäugern ein normales Verhalten. Es sind die Hebammen, welche das schwimmunfähige Baby für die ersten Atemzüge an der Oberfläche halten. Ein Hai würde eine Gruppe von Walen nie angreifen.

Du schreibst in deinem Facebookpost, dass die Kommunikation zwischen dem Baby, der Mutter und den Hebammen sehr intensiv war. Wie laut muss ich mir das vorstellen?
Kurt Amsler: Normal laut, aber für unser Ohr intensiver, da sich unter Wasser die Schallwellen schneller fortbewegen.

Konntest du den Stolz der Mutter auf ihr Neugeborenes spüren?
Kurt Amsler: Ja, hat den Eindruck gemacht.

Wie lange warst du mit den Walen im Wasser?
Kurt Amsler: Etwa 20 Minuten, dann sind sie abgetaucht.

Du hast ebenfalls geschrieben, dass du durch die weltweite Publikation dieser Bilder die Menschen für diese intelligenten Tiere sensibilisieren möchtest. Hat sich diese Hoffnung erfüllt?
Kurt Amsler: Das Video wurde allein auf Facebook über 350.000 Mal angeklickt. Es wird mit einigen Bildern von Caters News weltweit angeboten. GEO, National Geographic und andere große Magazine werden die Bildreportage bringen.

Was kann ich, was können meine Freunde tun, damit diese Wale nicht mehr gejagt und getötet werden?
Kurt Amsler: Organisationen unterstützen, welche sich für den Schutz der Wale einsetzen: Sea Shepherd, Greenpeace, Oceancare usw.

 

 Fotostrecke: Die erste Aufnahme in der Fotostrecke wurde mir von Kurt Amsler zur Verfügung gestellt, die weiteren Bilder habe ich mit Kurts Einverständnis per Screenshot von seinem Video abgenommen.



 

Zur Person

Kurt Amsler

Kurt Amsler

Kurt Amsler, der aus Wädenswil am Zürichsee in der Schweiz stammt, führt ein wasserverbundenes Leben. Mit neun Jahren, infiziert durch ein Buch des berühmten Meeresforschers und Tauchers Hans Hass, ließ ihn der Gedanke, es seinem Idol gleichzutun, nicht mehr los.

Abenteuerliche Eigenbauten, um unter Wasser atmen zu können, verblüfften damals Lehrer und Schulkollegen. Kurt Amsler wundert sich heute, diese Experimente überlebt zu haben.

Wie schon sein Vater erlernte er nach Schulabschluss den Fotografenberuf, mit dem Hintergedanken natürlich, dadurch eine Kombination mit seiner Taucherei zu finden.

Seit über 45 Jahren ist er Vollprofi in der Taucherei, im Fotografieren und Filmen.

Er hat über 100 Auszeichnungen an internationalen Fotowettbewerben und einen Weltmeistertitel gewonnen. Seine ungezählten Reportagen in Fachzeitschriften, sowie in namhaften Magazinen und Zeitungen weltweit, haben den Lesern die Welt unter Wasser nähergebracht.

Von seinen 12 Büchern erhielten die Titel “Malediven” und “Karibik” den “Weltpreis für Unterwasser-Bildbände”.

Das weitergegeben seiner großen Erfahrung, war seit jeher die Philosophie von Kurt Amsler. In seiner Fotoschule in Südfrankreich unterrichtet er auf allen Stufen der Unterwasser-Fotografie, von Anfängern bis zu Profis.

Amsler setzt sich in besonderer Weise für das Überleben der bedrohten Meeresschildkröten ein und versucht mit der Organisation SOS – Meeresschildkröten in aufklärenden Filmen und Bildern den Handel mit den bedrohten Tieren und die rücksichtslose Tierquälerei zu stoppen.

So will es der Zufall, dass Kurt Amsler seit Jahren im französischen Bandol am Mittelmeer lebt – keine 300 Meter von der kleinen Bucht entfernt, in der Jacques Cousteau 1943 das erste autonome Tauchgerät “Aqualunge” ausprobierte.

(Quelle: www.photosub.com)

 

  Link zum Thema: Artikel auf der Homepage der britischen Zeitung Daily Mail über Kurt Amsler:
“Baby’s first breath: The incredible moment a sperm whale gives birth”