Neulich: Solidarität mit Anton

Mein geliebtes Eheweib ist von Beruf Lehrerin. Neulich gab der Haushaltsvorstand am Abendbrottisch zum Besten, dass er in seiner Zeit als Pennäler mal den viel beachteten Schulrekord aufgestellt hat, in einer Woche von seinen Lehrern drei Rügen kassiert zu haben, was in einen Tadel mit schriftlicher Benachrichtigung an die Eltern mündete. Das Eheweib berichtete sodann, dass sie gerade heute den Eltern von Anton aus der sechsten Klasse einen Brief nach Hause geschickt hat, weil dieser permanent im Unterricht gestört und dann auch noch gegen die Handyregeln verstoßen habe.

Auf meine Nachfrage wurde das Vergehen präzisiert. Anton hatte wohl auch auf mehrere Aufforderungen seiner Lehrerin hin nicht aufgehört zu schwatzen, sich geweigert die Hausaufgaben von der Tafel abzuschreiben und dann auch noch die Dreistigkeit besessen, diese stattdessen mit seinem Handy abzufotografieren.

Nun, ich fand das eigentlich ganz pfiffig, ein ausgezeichnetes Beispiel für die Digitalisierung in der Schule. Meine wesentlich bessere Hälfte sah das nicht unbedingt genau so. Und als ich ihren unerbittlichen Blick wieder erkannte, da hatte ich sofort Mitleid mit dem kleinen Anton. Ich überlegte, am nächsten Morgen in die Schule des Eheweibes zu fahren und mich mit dem Übeltäter solidarisch zu erklären. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich väterlich den Arm um Anton legen, um ihn dann mit sanften Worten zu trösten: „Schau, Anton, es könnte schlimmer kommen. Stell dir vor, du wärst mit ihr verheiratet.“

Ja, ich habe eben ein gutes Herz.