Test: Optische Gläser für Tauchmasken

Ich heiße Stefan, bin 51 Jahre alt, Brillenträger (Gleitsicht) und kann meinen Tauchcomputer unter Wasser nicht mehr ablesen. Bis zum vergangenen Jahr habe ich mich noch durchmogelt, indem ich den Computer möglichst weit weggehalten habe. Doch mit dieser Methode bin ich an meine anatomischen Grenzen gelangt. Auf der Messe Boot in Düsseldorf habe ich bei Mares um Rat gefragt: “Soll ich mir einen Computer mit größeren Zahlen oder eine Tauchmaske mit optischen Gläsern kaufen?” Die Antwort von Entwicklungsleiter Sergio Angelini verblüffte mich dann doch: “Mach beides!”

Bei +2,0 Dioptrien muss man sich nichts mehr vormachen: Zeitung lesen ohne Brille ist nicht mehr, höchstens noch die Überschriften. Mit etwa 40 Jahren ging das bei mir los. Das Lesen fiel zunehmend schwerer. So kam die erste Brille, dann die zweite und nun die dritte, bei der sich die Werte schon um das doppelte verschlechtert hatten. Den Prozess nennt man Altersweitssichtigkeit. Beim Tauchen ging das erst noch. Denn wir erinnern uns an unseren Open Water Diver-Kurs (OWD): Objekte erscheinen dem Taucher unter Wasser etwa ein Viertel größer und/oder näher. Doch zuletzt musste ich immer schon das Licht am Computer einschalten, um noch schemenhaft etwas zu erkennen.

Was tun?

  • Kontaktlinsen?

    Habe ich noch nie versucht, denn da wird mir ganz kribbelig. Ich kann schon den Gedanken nicht ertragen, mir mit meinen Wurstfingern im Auge rumzupulen, um irgendwelche filigranen Plastiknippel einzupassen. Die weichen Kontaktlinsen, die nur für einen Tag getragen und anschließend weggeworfen werden, kosten etwa 1,40 bis 2,00 Euro pro Paar. Doch beim Ausblasen der Maske oder durch plötzlichen Maskenverlust unter Wasser können die Kontaktlinsen verloren gehen. Definitiv nicht meine Wahl.

  • Bifocal- oder Gleitsichtgläser?

    Habe ich überlegt. Bioficalgläser, eine Kombination für Fern- und Nahsicht unter Wasser, sind deswegen interessant, da das Nahteil in das Glas eingeschmolzen wird und es daher keine fühlbare Trennkannte am Übergang gibt. Gleitsichtgläser sind eigentlich optimal, weil sie stufenloses Sehen unter Wasser in allen Bereichen ermöglichen. Man sieht praktisch wie mit der Gleitsichtbrille über Wasser. Doch beides hat seinen Preis. Bioficalgläser liegen pro Stück ab 165 Euro, Gleitsichtgläser pro Stück ab 250 Euro! Und dann ändern sich die Werte alle zwei Jahre und ich muss mir neue Gläser kaufen? No way!

  • Optische Gläser?

    Aus Kostengründen habe ich mich letztendlich entschieden, diese Variante zu testen.

 

Auf der Boot habe ich mich nun zunächst auf dem Stand von Pingel Optik beraten lassen. Eine Brille mit +2,0 Dioptrien hatten sie nicht da, aber eine mit +2,5. Aufgesetzt und WOW: die Taucheruhr ließ sich messerscharf ablesen – ich werde die Makro-Welt unter Wasser neu erleben, da ich sie nun erkennen kann. Den Refelex, die Maske sofort mitzunehmen, konnte ich wirklich schwer unterbinden, denn die Optikerin machte mir ein natürlich nur auf der Messe gültiges Angebot, dass ich eigentlich nicht ablehnen konnte: 149 Euro für die Maske mit optischen Gläsern, 127 Euro würden diese allein kosten. Das sprach natürlich mein “Reduziert-Gen” an: Geld auszugeben für etwas, was ich nicht brauche, mir nicht wirklich gefällt und auch nicht ganz passt. Und bei näherer Betrachtung erfüllte die feil gebotene Maske Look von Aqualung eigentlich nur ein Kriterium, welches ich sonst bei der Auswahl einer solchen berücksichtige: sie war schwarz.

Gestört hatte mich zudem, dass Pingel Optik Korrekturgläser in der Maske auf die eigentlichen Gläser einarbeitet. Es wird praktisch eine Lesebrille auf den unteren Teil des Glases geklebt. Das ermöglicht perfektes Ablesen von Tauchcomputer, Kameradisplay und Finimeter im Nahbereich und auch der Blick in die Ferne bleibt unverstellt, da dort durch die ursprüglichen Gläser geguckt wird. Doch der Übergang von nah auf fern und umgekehrt empfand ich als störend, da hier der Fokus bei mir immer am oberen Rand der Nahkorrektion hängen blieb. Und insgesamt fand ich den Preis auch ganz schön happig, denn der Plan wäre gewesen meine bei vielen Tauchgängen erprobte Mares X-Vision LiquidSkin zu Pingel nach Düsseldorf zu schicken, um die Korrekturgläser einarbeiten zu lassen. Das hätte mich mit Porto etwa 130 Euro + gekostet.

Hellhörig wurde ich dann bei meinem obligatorischen Besuch auf dem Mares-Stand. Da hieß es: “Für Brillenträger steht auch bei der X-Vision das gesamte Sortiment optischer Gläser zur Verfügung.” Aha, nur woher nehmen wenn nicht stehlen? Auf der Boot sahen die Mares-Leute dafür keine Möglichkeit, ich möge mich doch an einen Mares-Fachhändler wenden. Der könne die Gläser bestellen und dann einbauen.

Das ließ ich einige Monate auf sich beruhen. Bis mir im etwa achtstündigen Urlaub von der Familie in München praktisch an einem Tag die Vierfaltigkeit zuteil wurde: Kunstausstellung, Fotoausstellung, Apple-Store und als Sahnehäubchen auch noch ein Tauchshop! Boris Schnitger, Geschäftsführer von Fluid in der Hackenstraße, entpuppte sich als sehr kompetenter Berater bei einigen Ausrüstungsfragen, die mich schon länger beschäftigten. Eher nebenbei fragte ich nach optischen Gläsern für meine Maske und ob er sie einbauen könne. “Kein Problem, schick sie mir runter”, hieß die vielversprechende Antwort von Boris. Gefragt, getan. Die Maske war nach einer Woche wieder da, perfekt. (Später habe ich dann im Netz gesehen, dass man sich Masken gleich mit passenden Standard-Sehstärken wie beispielsweise im tauchshop-online bestellen kann.)

Test: Optische Gläser für Tauchmasken

Test: Optische Gläser für Tauchmasken

Blick auf den Computer durch das optische Glas: messerscharf – auch wenn der Tauchgang vielleicht ein wenig zu tief geraten ist.

Nun galt es, das gute Stück auszuprobieren. Getestet wurde gleich unter schwersten Bedingungen: Messinghausen, See im Berg, 45 Meter tief und armselige 4 Grad Wassertemperatur. Und es ist ein fantastisches Gefühl, wenn man auf seinem guten alten Mares M1-Computer wieder ohne Probleme alles erkennen kann. Nix Licht anschalten, weghalten und bei möglichst günstigem Winkel die Werte erahnen. Nein, das Ding am Arm haben, beiläufig einen Blick drauf werfen und immer sofort im Bilde sein. Wahnsinn – ich konnte wieder sehen! So oft wie bei diesem Tauchgang habe ich nie zuvor auf meinen Computer geschaut.

Ungewollt habe ich beim zweiten Tauchgang den gerade erworbenen Vorteil des neuen Sehens unter Wasser leichtfertig aus der Hand gegeben, indem ich meine Maske mit den optischen Gläsern im Auto liegen lassen habe. Bemerkt habe ich das natürlich erst voll aufgerödelt kurz vorm Einstieg. Und in Messinghausen sprintet man nicht mal eben zurück und holt das Ding, nein denn der See liegt wortwörtlich im Berg. Also musste es die Ersatzmaske – natürlich ohne optische Gläser – tun. Zum Glück testete ich gerade einen gebrauchten Mares Nemo Wide, einen Tauchcomputer mit extra großen Zahlen und siehe da, ich konnte ihn erstaunlich gut ablesen. Nicht auszudenken, wenn ich auch noch meine Adleraugen-Maske dabei gehabt hätte.

Fazit

Test: Optische Gläser für Tauchmasken

Inzwischen habe ich mir ein Maskenband von Sea Shepherd zugelegt und mache damit meine Einstellung gern sichtbar. Fotos: Stefan Gerold

Nach etwa 50 Tauchgängen in Flüssen, Seen und Meer ist mir die Maske mit optischen Gläsern selbstverständlich geworden. Aber ganz ehrlich: der Weisheit letzter Schluss ist diese Lösung nicht. Die Korrektureinsätze im unteren Sichtfeld stehen etwa 5 mm nach innen ab und teilen die Sicht. Beim Blick in die Ferne ist da immer etwas störendes unten. Fällt der Blick dann nach unten und ich schaue in die Ferne, sehe ich natürlich alles verschwommen, da die Korrektur ja wirkt. Das wird natürlich sofort wett gemacht, wenn ich beispielsweise den Compter vor die Brille halte und messderscharf ablesen kann. Aber es ist kein bequemes Sehen, wie ich es von der Gleitsichtbrille gewohnt bin. In der Nahsicht ist das Sichtfeld nicht durchgängig, ich muss mich für ein Auge entscheiden und das andere zu halten, um optimal sehen zu können. Beim Foto- oder Videografieren ist das ok, aber wenn ich die Nacktschnecke nur halb schielend bewundern kann, ist das Murks.

Also?

Ich werde mich auf der Boot nochmal beraten lassen. Vielleicht gibt es doch ein Sehvergnügen mit optischen Gläsern, die nicht von der Stange sind. Habe da etwas von Einhaltung aller optischen Bedingungen – Augenabstand, Zentrierung, Durchblickspunkt, Gesichtsfeldausnutzung – gelesen. Das macht mir Hoffnung, auch wenn da wohl nochmal 130 Euronen fällig werden. Macht nix, wer billig kauft, kauft eben zwei Mal. Die alte Maske kann ich ja immer noch als Ersatz nehmen 😉 Und dann gibt es einen neuen Test: Optische Gläser für Tauchmasken.