Wal! Da bläst er!

Auf Tuchfühlung mit Pottwalen im Atlantik vor den Azoren

Pottwale zu fotografieren war Adrian Schönes Kindheitstraum, seit er einst Hermann Melvilles Klassiker Moby Dick verschlang. Ausgerüstet nur mit Schnorchel, Maske und Kamera, hatte der Unterwasser-Fotograf vor den Azoren eine wunderbare Zeit unter anderem mit einem Weibchen und ihrem Baby. Ich hatte das besondere Vergnügen, Adrians Erlebnisse in Worte fassen zu dürfen. Gemeinsam haben wir vor einiger Zeit eine Zeitungsseite für die Neue Westfälische gestaltet. Für meinen Blog habe ich diese jetzt recycelt und multimedial aufbereitet.

 

 …doch als nun seine unirdische Stimme das tiefe Schweigen brach und den silbern mondbeglänzten Strahl aussang, da fuhren die Männer aus dem Schlaf empor, als hätten sie die Stimme eines geflügelten Geistes vernommen, der sich im Takelwerk niedergelassen hatte und die Sterblichen anrief. „Wal! Wal! Da bläst er!“ Wäre es die Posaune von Jericho gewesen, die da blies – sie hätten nicht stärker erbeben können; doch nicht Schrecken fühlten sie, sondern eher Freude.

Herman Melville: Moby Dick

Allein im Atlantik. Nur mit Tauchanzug, Maske, Schnorchel und Kamera ein Spielball der Wellen. Die markanten Kommandos von Skipper Fernando sind nur noch als leises Flüstern im Wind zu vernehmen. Das Ufer der Azoreninsel Pico ist vier Kilometer entfernt – zu weit um zurückzuschwimmen.

Irgendetwas Gewaltiges nähert sich. Herzrasen. Ich tauche ab und da kommt es direkt auf mich zu, ein gigantischer Berg aus Fleisch und Flossen: ein Pottwal. Blickkontakt. Achtsam beäugt mich die etwa zehn Meter lange Walkuh, denn im Schlepptau hat sie ihr Junges – sozusagen ein Baby XXXL, mit einem Stammmaß von immerhin schon vier Metern. Ein schier unerreichbarer Kindheitstraum ist Wirklichkeit geworden.

Vor dem Kampf mit den Wellen hat Poseidon den Marathon durch den Behördendschungel als Hürde gestellt. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung der portugiesischen Behörden darf sich ein Mensch den Pottwalen im Wasser nähern. Noch bis 1987 wurden die Tiere auf den Azoren professionell gejagt und zu Lebertran und Lampenöl verarbeitet. Heute ist man sich dort augenscheinlich des Geschenkes der Natur bewusst. Zudem ist der Wandel vom Saulus zum Paulus lukrativ. Whalewatching, das Beobachten der Wale, ist ein wichtiger Zweig der Tourismusindustrie geworden – für drei Stunden Walgucken gehen pro Person bis zu 100 Euro über den Ladentisch. Hochsaison ist von Ende Juli bis Ende September, wenn der Atlantik sich von seiner sanfteren Seite zeigt und die Riesen des Ozeans ihre Jungen spazieren führen.

Schon vier Tage dauert die Expedition auf der Inselgruppe irgendwo zwischen Europa und Nordamerika. Doch vom Wahrzeichen der Insel, dem 2.531 Meter hohen Vulkan Pico, keine Spur. Plötzlich reißen die Wolken auf und geben den Blick auf den majestätisch anmutenden Feuerschlund frei. Nichts Ungewöhnliches auf der mit 42 Kilometern Länge und 15 Kilometern Breite zweitgrößten Insel der Azoren. Denn wer beim Fernsehen aufgepasst hat, weiß: Hier wird das Wetter für Europa gekocht. Ist das Hoch über den Azoren angerichtet, wirds auch bei uns schön. Das ist allerdings bekanntermaßen eher selten der Fall. Im Gegenteil, man kann dort mitunter alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben.

Mit Tempo 56 rast das Speedboot über die bis zu zwei Meter hohen Wellen. Mit beeindruckendem Muskelspiel hält Skipper Fernando das 250 PS starke Schlauchboot auf Kurs. Die Richtung haben die Späher, genannt Vigiere, an den Hängen des Pico vorgegeben. Früher haben sie

die Ruderboote der Walfänger zu ihrer Beute geleitet. Heute geben sie den Whalewatchern per Funk durch, wo die Tiere als nächstes auftauchen könnten. Das ganze ist mehr als Handlungsempfehlung zu sehen, denn eine Begegnung mit den scheuen Ozeanriesen ist keinesfalls garantiert. Hat Fernando mit seinen Falkenaugen das Blasen eines Wales gesichtet, versucht er die Stoßrichtung des bis zu 30 km/h schnellen Tieres zu erkennen und die Fotografen etwa 300 Meter davor ins Wasser zu bringen.

Vorsicht: Pottwale stehen nicht auf Stadtmenschen

Doch Vorsicht, Pottwale stehen nicht auf Stadtmenschen. Hektik, laute Geräusche und Rudelbildung sind Boten der Zivilisation und einem Herrscher der Tiefsee fremd. Springt der Schwimmer ins Wasser oder schlägt zu laut mit den Flossen, taucht der Pottwal dorthin ab, wohin ihm der Mensch nicht folgen kann. Gern auch mal auf 1.000 Meter Tiefe, wo leckere Riesenkalmare auf dem Speiseplan stehen. Das kann bis zu 80 Minuten dauern, was für den Wal sicherlich ein Vergnügen, für den gemeinen Beobachter hingegen die Pleite schlechthin darstellt. Zudem gibt es Tage, da lässt sich trotz zehnstündigen Ausharrens als Spielball der Elemente gar kein Wal blicken.

Doch manchmal ist auf den Azoren Ostern und Weihnachten an einem Tag. Da ist bei den Pottwalen Kuscheln angesagt. Große Gruppen von bis zu 200 Tieren versammeln sich, um soziale Kontakte zu pflegen. Und Pfingsten kommt dann noch dazu, wenn sich Pilotwale, Delfine und Haie hinzugesellen, um gemeinsam riesigen Schwärmen von Fischen nachzujagen. Dann brodelt das Meer wie ein Whirlpool – bewacht von Pottwalbullen, die immer wieder ihren massigen Körper aus dem Wasser stemmen und einen Rundblick nehmen. Fällt der zur Zufriedenheit aus, springen die Giganten in seltenen Fällen aus purer Lust auch ganz aus dem Wasser. Als Mensch fühlt man sich dann so unendlich klein, allerdings erfüllt von dem Privileg, gerade etwas ganz Besonderes gesehen zu haben.

Auf den Azoren scheint also die Symbiose zwischen Mensch und Tier möglich. Das Whalewatching ist zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Kreatur durch viele Vorschriften streng reglementiert. Doch wie ein Schlag trifft es den Naturbeseelten, wenn er am Flughafen an der Fastfoodtheke zum Abschied Walfleisch für nicht einmal vier Euro pro Portion angeboten bekommt – gern auch zum Mitnehmen.

 Fotostrecke: Adrian hat mir einige Bilder von seiner Azorenreise zur Verfügung gestellt. Sein Porträt weist eine kleine Ungenauigkeit auf. In seinem Unterwassergehäuse steckt keine Kamera, denn die hatte ich in der Hand, um diese Aufnahme zu machen. Natürlich hatte Adrian alles eingestellt, ich brauchte nur noch auslösen.

 

 

Zur Person

Adrian Schöne

Der Wahl-Bielefelder Adrian Schöne (28) taucht seit seinem achten Lebensjahr. Durch seine Leidenschaft für die Unterwasserwelt wurde die des Fotografierens geweckt. Seit vielen Jahren erkundet er die ganze Welt, vornehmlich unter Wasser. Seine Fotos sind in namhaften Tauchmagazinen, Online-Publikationen und auf seiner Homepage erschienen. Seine Lieblingsmotive sind groß: Haie und Wale.“Mit meinen Fotos möchte ich jeden Menschen für unsere Ozeane begeistern. Täglich wird mehr und mehr durch Menschenhand zerstört. Die Natur kann sich nicht wehren, aber es ist an uns Menschen gelegen etwas gegen diese Ungerechtigkeiten zu tun. Der Lebensraum Ozean ist für uns Menschen sehr wichtig und dennoch wird er mit Füßen getreten. Gemeinsam können wir etwas ändern!“

www.adrian-schoene.de

Adrian Schöne
© Stefan Gerold

Adrians Foto-Ausrüstung*

Kameras:
Canon EOS 5D Mark II
Canon EOS 7D

Objektive:
Sigma 15 mm F2,8 EX DG Diagonal Fisheye-Objektiv
Canon EF 17-40mm/1:4,0 L
Canon EF 24-105mm 1:4,0 L IS
Canon EF 100mm 2,8 L IS USM Macro
Canon EF 70-200mm 1:2,8L IS

Blitze:
Canon Speedlite 430EX II
2x Subtronic Pro 160
2x INON S-2000

Unterwassergehäuse & Zubehör:
Hugyfot HFC-5DII
Hugyfot HFC-7D
Hugycheck
Ports für das Unterwassergehäuse
INON 45°-Winkelsucher
Macromate Wetdiopter
U.L.C.S. Armsystem

Stativ:
Manfrotto MK055XPRO3-3W 055
Manfrotto 3D Super Pro Kopf

Roundabout-NP deluxe Panoramakopf

*Die Ausrüstungsgegenstände sind mit Amazon, Hydronalin oder den jeweiligen Herstellerseiten verlinkt. Dort erfahrt ihr – falls verfügbar – die aktuellen Preise und könnt direkt bestellen. Bei Amazon bekomme ich eine kleine Provision, bei Hydronalin bestimmt ein kaltes Bier auf der Boot 😉

 

Link zum Thema: Artikel auf spiegel.de über Adrian Schöne:
Pottwal-Begegnung: 30 Sekunden Glück

 

Interview mit Greenpeace-Aktivist Thilo Maack

„Walfang hat keinen Platz im 21. Jahrhundert“

Thilo Maack ist seit 1999 bei Greenpeace Deutschland. Er ist ausgebildeter Meeresbiologe und nimmt seit 2001 als Greenpeace-Beobachter an den Treffen der Internationalen Walfangkommission teil. Er hat sich während zahlreicher Greenpeace-Aktionen zu Land und zu Wasser für den Schutz der letzten Großwale eingesetzt und berät im Auftrag von Greenpeace auch die Bundesregierung.

Seit 1986 sind die Quoten für kommerziellen Walfang für alle Walarten und Jagdgebiete auf Null gesetzt. Warum werden dennoch Wale etwa von Nationen wie Norwegen, Island oder Japan gejagt?
Thilo Maack: Die drei Natio- nen nutzen Schlupflöcher im über 60 Jahre alten Text der Kon- vention zur Regulierung des Walfangs (ICRW). So betreibt Japan offiziell Walfang zu Forschungszwecken, während Norwegen und Island das Moratorium formal nicht anerkennen. Juristisch lässt sich dagegen leider nicht vorgehen. Das zeigt, wie veraltet die Internationale Walfangkommission, IWC ist.

Wieviele Wale werden jährlich erlegt?
Thilo Maack: Die selbstverordneten Quoten der genannten Nationen belaufen sich auf bis zu 2.500 Großwale unterschiedlicher Arten. Tatsächlich werden jährlich etwa 1.250 Wale, hauptsächlich Minkewale aber auch Finn-, Sei- und Pottwale geschossen.

Wird dadurch ihr Bestand gefährdet?
Thilo Maack: Im Fall der stark bedrohten Finn- und Seiwale ist sicherlich davon auszugehen. Für die antarktischen Minkewale fehlt eine Bestandsgröße und daher eine Gegenfrage: wieso vergibt man Quoten für Walarten, deren Bestandsgröße man nicht kennt?

Die Position der Bundesregierung ist eindeutig: Kein Walfang in Schutzgebieten oder auf bedrohte Arten, kein Wissenschaftswalfang, wenn Fangquoten, dann nur unter internationaler Kontrolle und kein Handel mit Walprodukten. Warum ist das international nicht kompromissfähig?
Thilo Maack: Bei den IWC-Verhandlungen geht es längst nicht mehr um Walfangquoten, sondern um Prinzipien und die Furcht der Walfänger, dass beim Nachgeben in der Walfangfrage ein Präzedenzfall geschaffen wird, der Auswirkungen auf zum Beispiel die internationalen

Thilo Maack

Walexperte: Thilo Maack. © Holde Schneider / Greenpeace

Thunfisch-Abkommen hat. Besonders die japanische Seite befürchtet außerdem einen Gesichtsverlust, eine tiefe Verletzung in den Augen der japanischen Volksseele.

Wie sähe für Greenpeace der optimale Schutz für Wale aus?
Thilo Maack: Die Walschutzgebiete müssten ausgeweitet und die bereits bestehenden Schutzgebiete endlich umgesetzt werden. Das gilt vor allen Dingen für die antarktischen Gewässer. Aus der WalFANGkommission muss langfristig eine WalSCHUTZ- kommission werden, die für alle Walarten und alle Brohungsfaktoren zuständig ist. Denn neben dem Walfang sterben alleine 300.000 Wale und Delfine jährlich in den Netzen der Weltfischerei oder leiden am ständig zunehmenden Unterwasserlärm oder der Meeresverschmutzung.

Gibt es aktuell überhaupt einen Markt für Walfleisch?
Thilo Maack: Nein, den gibt es nicht. In Japan liegen über 4.000 Tonnen Walfleisch ungenutzt in Kühlhäusern und auf Island warten neben den 2.000 Tonnen Finnwalfleisch aus der letzten Saison auch viele hundert Tonnen der diesjährigen Schlachterei auf Abnehmer. Auch die Norweger haben die letzte Fangsaison frühzeitig beendet, weil das erzeugte Fleisch auf wenig Gegenliebe in der Bevölkerung stieß. In diesem Jahr sieht es nicht besser aus. Das macht die Sache ja so unglaublich absurd: Keiner will wirklich Walfleisch essen. Der Walfang hat keinen Platz mehr im 21. Jahrhundert.

 Video: Im nachfolgenden Video von Greenpeace werden Finnwale gejagt und zerlegt, um als Tiefkühlware nach Japan verschifft zu werden. Auch dort isst sie niemand, was wiederum letztes Jahr dazu führte, dass ein Teil zu Hundefutter verarbeitet wurde. Weitere Infos dazu bei Greenpeace.



 

Pottwale

Angucken statt Abschießen

Herman Melvilles Roman Moby Dick ist eine Allegorie auf die ewige Selbstüberschätzung des Menschen angesichts der Naturgewalten. Es ist eine mitreißende Geschichte über Kapitän Ahab, der besessen ist von der Suche nach einem gigantischen weißen Wal, seit er im Kampf mit ihm ein Bein verloren hat. Am Ende reißt ihn der Wal in die Tiefe, rammt und versenkt sein Schiff, die Pequod.

Tatsächlich sind Pottwale sanftmütige Riesen. Die Männchen werden bis zu 20 Meter lang und 50 Tonnen schwer. Ihre Tauchgänge können bis zu 80 Minuten dauern, wobei sie Tiefen von 3.000 Metern erreichen können. Die Jagd nach ihnen hat die Tiere fast ausgerottet. Noch in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden jährlich über 20.000 Pottwale erlegt.

Davon haben sich die Bestände bis heute nicht erholt, so dass die Giganten der Meere in der Roten Liste gefährdeter Arten geführt werden. Schätzungen differieren von nur 360.000 Exemplaren bis hin zu einer Million Tieren.

Die Begeisterung der Menschen und die mediale Präsenz verhindern zunehmend die Tötung und unmenschliche Jagd auf die sanften Riesen. Walbeobachtungen sind ein wichtiges Instrument, um aufzukläen und langfristig den Walfang ganz zu stoppen.

Der Markt boomt und jährlich werden mehrere Milliarden Euro mit den Walen und Delfinen verdient – ohne sie töten zu müssen. Doch nur begrenzte und streng geregelte Walbeobachtungen können die Lösung zum Schutz der immer noch bedrohten Meeressäuger sein.

Link zum Wikipedia-Artikel über Herman Melvilles

 

 Download: Die Original-Seite aus der NW vom 19.10.2010 gibt es hier zum Download.